Die CDU-Bezirksstadträtin für Bildung, Kultur und Sport greift in die Programmautonomie der Ingeborg-Drewitz-Bibliothek ein. Queere Lesungen müssen abgesagt werden, Veröffentlichungen werden zensiert. Die SPD-Fraktion Steglitz-Zehlendorf kritisiert die Eingriffe in die Veranstaltungsplanung und Öffentlichkeitsarbeit scharf.
Wie vor wenigen Tagen aus der Presse zu erfahren war, musste die Ingeborg-Drewitz-Bibliothek auf Druck von Malgorzata Sijbrandij, CDU-Stadträtin für Bildung, Kultur und Sport, mehrere geplante Drag-Lesungen absagen. Zudem wurde eine Pressemitteilung zur Lesung der lesbischen und atheistischen Autorin Magda Wystub überarbeitet; künftig sollen Pressemitteilungen der Bibliothek der politischen Leitung zur Freigabe vorgelegt werden. Besondere Aktualität erhält das Thema durch den Anschlag auf den CSD am vergangenen Samstag – queerfeindliche Anfeindungen waren jedoch auch zuvor schon für viele Menschen schmerzhafte, alltägliche Realität.
Für die SPD-Fraktion werfen die Vorgänge grundsätzliche Fragen nach der Programmautonomie öffentlicher Kultureinrichtungen und dem Umgang mit queeren Themen auf. Öffentliche Bibliotheken sind Orte der Bildung, der Begegnung und des freien Austauschs. Politische Einflussnahme auf fachliche Entscheidungen darf deshalb nicht zur Regel werden – erst recht nicht, wenn sie sich erkennbar gegen queere Inhalte richtet. Aus Sicht der SPD steht dies im Widerspruch zum Selbstbild Berlins, eine weltoffene und vielfältige Regenbogenhauptstadt zu sein.
Ellinor Trenczek, Sprecherin für Bildung und Kultur der SPD-Fraktion, erklärt: „Vielfalt ist keine Provokation, sondern Ausdruck einer demokratischen Gesellschaft. Queere Bildungs- und Kulturangebote sind Teil der Demokratiebildung. Diese unter dem vorgeschobenen Argument des angeblichen ‚Kinderschutzes‘ und aus Sorge vor möglichen Kontroversen einzuschränken, stärkt queerfeindliche Ressentiments und stellt queere Menschen und Drag als Kunstform unter einen nicht gerechtfertigten Generalverdacht. Wenn die Bezirksstadträtin vor diesem Hintergrund Lesungen queerer Menschen verbietet, dann stärkt sie damit Positionen von Ausgrenzung und Einschüchterung und drängt queere Menschen in die Unsichtbarkeit. Dabei müssen gerade öffentliche Einrichtungen Räume sein, in denen Menschen unterschiedliche Lebensrealitäten selbstverständlich leben und erleben können. Ein glaubwürdiges Bekenntnis zu Vielfalt erschöpft sich nicht in Symbolen oder Worten, sondern zeigt sich darin, kulturelle und gesellschaftliche Teilhabe aktiv zu ermöglichen und zu gestalten.“
„Der Anschlag auf den CSD macht auf erschütternde Weise deutlich, wie wichtig es ist, dass Politik für Offenheit, Vielfalt und Respekt eintritt. Wer politische Verantwortung trägt, sollte Menschen darin bestärken, sie selbst zu sein – nicht Signale senden, die Vielfalt zurückdrängen“, erklärt Carolyn Macmillan, SPD-Fraktionsvorsitzende und Sprecherin für Frauen*, Gleichstellung und Queer. „Für mich steht Drag für den Mut, das eigene Ich nach außen zu tragen und sich nicht aus Angst vor den Reaktionen anderer zu verstecken. Gerade Kindern sollten wir früh vermitteln, dass jeder Mensch anders sein darf – unabhängig davon, wie er aussieht, welche Interessen er hat oder wen er liebt. Niemand sollte sich verbiegen müssen, um dazuzugehören.“
Der Anschlag auf den Berliner CSD zeige, dass der Weg zu einer offenen Gesellschaft noch lang sei, so Macmillan: „Wir müssen gemeinsam entschlossen daran arbeiten, Vorurteile abzubauen, Offenheit zu fördern und queere Menschen wirksam zu schützen. Gerade vor diesem Hintergrund ist die Absage der Veranstaltungen in der Ingeborg-Drewitz-Bibliothek falsch und sollte rückgängig gemacht werden.“
Unsere Pressemitteilung als PDF zum Herunterladen finden Sie unter diesem Link.

