Liebe Leserinnen und Leser,
die Medienberichterstattung um Collien Fernandes und Christian Ulmen hat ein Thema wieder in den Fokus der öffentlichen Debatte gerückt, das uns alle angeht, gleichzeitig aber allzu gerne verdrängt wird: Gewalt in Beziehungen und die Frage, was wir als Gesellschaft dagegen tun können. Dabei ist es unerheblich, ob es um körperliche oder – wie im aktuellen Fall – psychische Gewalt geht: Jede Form von Gewalt gegen Frauen ist inakzeptabel, und es ist unsere politische Verantwortung, hinzusehen, zu handeln und Strukturen zu schaffen, die schützen.
Gewalt gegen Frauen ist kein abstraktes Problem, sondern bittere Realität – auch in unserem Bezirk. Besonders erschütternd sind die Fälle, in denen Gewalt tödlich endet, sogenannte Femizide: Im August 2024 wurde im Zehlendorfer Zentrum, nur wenige Meter von ihrer Wohnung entfernt, eine 36-jährige Mutter von vier Kindern von ihrem Ex-Mann auf offener Straße erstochen – trotz bestehender Schutzmaßnahmen nach vorheriger, wiederholter häuslicher Gewalt.
Dieser Fall wirft geradezu exemplarisch ein Schlaglicht auf die Risikofaktoren, denen Frauen in Beziehungen begegnen. Die meisten Taten ereignen sich im sozialen Nahraum, dort, wo Frauen eigentlich Sicherheit erwarten sollten: in den eigenen vier Wänden oder dem direkten Wohnumfeld. Täter sind in der Regel aktuelle oder ehemalige Partner oder Ehemänner. Zur endgültigen Eskalation kommt es dann meist kurz vor oder nach der Trennung – einer Phase, die statistisch als besonders gefährlich gilt.
Dass Täter und Opfer vom August 2024 libanesische Wurzeln hatten, wurde insbesondere in konservativen Kreisen immer wieder öffentlich thematisiert – gemäß dem Motto: Das geht uns nichts an, wir müssen hier nichts tun. Die Berichte um Fernandes und Ulmen zeigen jedoch: Herkunft, Status und sogar Prominenz bieten keinen Schutz, Gewalt gegen Frauen ist alltäglich und tritt in allen gesellschaftlichen Gruppen und den unterschiedlichsten Formen auf. Auch hier bei uns, mitten unter uns brauchen Frauen Schutzräume, Unterstützung und eine klare politische Haltung gegen Gewalt.
Vor diesem Hintergrund ist es für uns als Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten zentral, das Thema nicht nur in der öffentlichen Wahrnehmung präsent zu halten, sondern konkrete Maßnahmen auf den Weg zu bringen. In der letzten Sitzung der Bezirksverordnetenversammlung Steglitz-Zehlendorf wurde beschlossen, dass künftig der mehrsprachige Abreißzettel des Hilfetelefons „Gewalt gegen Frauen“ des Bundesamts für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben in allen Damen-Toiletten des Bezirksamts mit Publikumsverkehr angebracht werden soll. Betroffene können hier kostenlose und vertrauliche Beratung erhalten. In der aktuellen Resolution „Femizide verhindern und geschlechtsspezifische Gewalt nachhaltig bekämpfen“ haben die Bezirksverordneten zudem deutlich gemacht, dass Gewalt gegen Frauen niemals hingenommen wird: Jede Frau hat ein Recht auf Schutz, Sicherheit und ein Leben in Freiheit – überall und jederzeit.
Was bedeuten diese Worte in der Praxis? Wir setzen uns dafür ein, dass Frauenberatungsstellen im Bezirk ausreichend finanziert und personell ausgestattet sind. Dazu gehört auch, niedrigschwellige Angebote auszubauen, die Betroffenen einen schnellen und unkomplizierten Zugang ermöglichen. Gerade in akuten Krisensituationen zählt jede Minute – deshalb brauchen wir verlässliche Anlaufstellen vor Ort.
Gewalt entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern ist oft das Ergebnis von Machtstrukturen, Rollenbildern und individuellen Krisen. Aus diesem Grund setzen wir uns ein für Vermittlungsangebote an Schulen und in Jugendeinrichtungen, die Themen wie Gleichberechtigung, Konfliktlösung und den respektvollen Umgang miteinander vermitteln. Prävention bedeutet auch, Jungen und Männer stärker in den Blick zu nehmen und sie für das Thema zu sensibilisieren. Ein weiterer zentraler Baustein ist die Vernetzung der verschiedenen Akteurinnen und Akteure: Polizei, Jugendamt, Gesundheitsdienste, Schulen und freie Träger müssen enger als bisher zusammenarbeiten, um Gefährdungslagen frühzeitig zu erkennen und gemeinsam zu handeln. All das ist keine Symbolpolitik, sondern bildet die Grundlage für konkretes Verwaltungshandeln im Bezirk. Diese Arbeit treiben wir weiter konsequent voran.
Ein wichtiger struktureller Fortschritt ist die Einrichtung eines bezirklichen Frauenbeirats im vergangenen Jahr, der ebenfalls auf eine Initiative der SPD-Fraktion zurückgeht. Dieser Beirat berät Politik und Verwaltung, bündelt Expertise aus Zivilgesellschaft und Fachstellen, bringt konkrete Handlungsempfehlungen ein und sorgt damit dafür, dass die Perspektiven von Frauen systematisch in politische Entscheidungen einfließen – auch beim Thema Gewaltschutz. Um sichtbar zu machen, dass Gewalt gegen Frauen kein „Privatproblem“ ist, unterstützen wir zudem Kampagnen im öffentlichen Raum, wie zum Beispiel die Aufstellung einer „Panchina Rossa“ („Rote Bank“) im Bezirk. Auch Formate wie Fachveranstaltungen – etwa der Fachtag „Gemeinsam gegen häusliche Gewalt an Frauen“ im November 2025, an dem Vertreterinnen und Vertreter von Verwaltung, Polizei und Trägern im Rathaus Steglitz zusammenkamen – stärken die Zusammenarbeit und verbessern konkrete Hilfe vor Ort.
All diese Maßnahmen zeigen: Der Bezirk kann und muss einen Beitrag leisten im Kampf gegen Gewalt an Frauen. Gleichzeitig ist klar, dass viele Entscheidungen auf Landes- und Bundesebene getroffen werden. Umso wichtiger ist es, dass wir als Bezirk unsere Stimme erheben und uns in die übergeordneten Debatten einbringen.
Unser Einsatz gegen Gewalt an Frauen ist kein kurzfristiges Projekt, sondern eine dauerhafte Aufgabe. Die aktuellen Diskussionen in der Öffentlichkeit machen deutlich, dass noch viel zu tun ist. Für uns als SPD-Fraktion steht fest: Wir werden nicht nachlassen, Strukturen zu verbessern, Betroffene zu unterstützen und klare Haltung zu zeigen. Denn jede Frau hat das Recht auf ein Leben frei von Gewalt – auch und gerade in Steglitz-Zehlendorf.
Mit solidarischen Grüßen,
Ihre
Carolyn Macmillan & Norbert Buchta
Fraktionsvorsitzende

